Verbotene Bilder

Medienkooperation mit dem Mannheimer Morgen

Sie wurden denunziert, ihre Arbeit verboten und ihre Bilder beschlagnahmt oder zerstört: Wer nicht den Ideologien des Nationalsozialismus entsprach, galt in der NS-Zeit als „entarteter Künstler“. In diesem unrühmlichen Kapitel deutscher Kunstgeschichte spielte Mannheim eine besondere Rolle: Die Kunsthalle war eines der ersten deutschen Museen, die ihre Bestände von nonkonformen Werken in einer Sonderschau anprangerte. 1937 verlor sie durch Beschlagnahmungen 107 Gemälde, 14 Plastiken, 87 Aquarelle, 119 Zeichnungen, 496 Grafiken und fünf Bücher – nur wenige Werke kehrten nach dem Krieg in das Museum zurück.

In einer Serie erklärt der „Mannheimer Morgen“ monatlich die Geschichte solcher „Verbotener Bilder“, die die Kunsthalle aus ihrem Depot präsentiert. Im Vordergrund steht die Geschichte des Bildes und das Schicksal des Künstlers. Begleitet wird die Serie im Internet unter www.morgenweb.de/kultur

1940 gelingt dem Mannheimer Kunsthallen-Direktor etwas Ungewöhnliches - er erhält ein "entartetes" Werk zurück
Menschen sind ihm zuwider. Zumindest als Motiv. Franz Marc empfindet sie als geradezu "hässlich", wie er im April 1915 an seine Frau Maria in einem Brief schreibt. Nur das "unberührte Lebensgefühl des Tieres" reizt ihn, im Vergleich zu Menschen erscheinen sie ihm viel "schöner" und "reiner". Ab 1912 malt Marc daher nur noch das ruhige Miteinander der Tiere, deren Gestalten er immer weiter abstrahiert. Einen harmonischen Zusammenklang von kristallinen und geometrischen Formen will er zeigen, mit symbolisch aufgeladenen, aber auch expressiven Farben - vielleicht auch, weil die Realität in seinem Alltag so furchtbar ist: Als Soldat erlebt er den Ersten Weltkrieg an der Front in Frankreich, an der seine Kameraden im Minutentakt sterben, darunter eines Tages sein enger Malerfreund August Macke. Am 4. März 1916 ist dann auch der Mitbegründer der berühmten Künstlergruppe des "Blauen Reiter" tot: Franz Marc wird an seinem letzten Einsatztag 20 Kilometer vor Verdun von einer Granate getroffen. Wenige Tage zuvor hatte man ihn noch in die Liste der bedeutendsten Künstler Deutschlands aufgenommen - und eigentlich vom Kriegsdienst befreit.

Fortan gilt der Münchener Expressionist (1880-1916), der auf seinen oft auch religiös geprägten Werken die Reinheit der Schöpfung und das Tier als unverstelltes, göttliches Wesen zelebrierte, als "Held von Verdun" - ein Titel, der einige seiner Bilder wohl vor der Zerstörung oder einem Verkauf ins Ausland in der NS-Zeit rettet. Auch sein Gemälde "Hund, Fuchs und Katze" von 1912, das die Kunsthalle Mannheim 1919 von der Galerie Caspari in München ankauft, 1933 in der Schau "Kulturbolschewistische Bilder" als "entartete Kunst" anprangert und 1937 dann zunächst verliert: Die Nationalsozialisten beschlagnahmen es, um es von der Luzerner Galerie Fischer ins Ausland verkaufen zu lassen. Doch: Der geplante Verkauf, der dem damaligen Deutschen Reich und seiner Kriegsmaschinerie Devisen bringen soll, klappt offensichtlich nicht. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb im Juli 1940 eine echte Überraschung im Museum am Friedrichsplatz eintrifft - die Tierkomposition von Franz Marc.

Die Rückgabe ist ein absoluter Sonderfall: Während der NS-Zeit verliert das Mannheimer Museum insgesamt 107 "entartete" Gemälde, 14 Plastiken, 87 Aquarelle, 119 Zeichnungen und 496 Grafiken. In ganz Deutschland werden allein 130 Marc-Werke in Museen beschlagnahmt. Warum kehrt ausgerechnet dieses eine Bild doch noch nach Mannheim zurück? Eine eindeutige Antwort gibt es darauf wohl nicht. Sicher ist nur: Bereits 1937 hatte der Deutsche Offiziersbund protestiert, dass der "Held von Verdun" Franz Marc als "entarteter Künstler" eingestuft worden war. Alle Bilder, die man bis dato in der Wanderausstellung "Entartete Kunst" von ihm gezeigt hatte, wurden daraufhin wieder abgehängt.

Aus den Akten der Mannheimer Kunsthalle lässt sich auch herauslesen, dass seit 1937 der damalige Kunsthallen-Direktor Walter Passarge immer wieder bei den zuständigen Behörden die Rückgabe sämtlicher beschlagnahmter Kunstwerke gefordert hatte - auch das Bild von Franz Marc. Seine Tier-Malerei muss im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Berlin dennoch einen besonderen Fürsprecher gehabt haben. Am 20. Dezember 1939 teilt die Behörde dem Museum ganz nüchtern mit, dass das Marc-Gemälde nun nach Mannheim zurückgebracht wird, jedoch "vorerst nicht öffentlich gezeigt werden darf." Daraufhin wird die Malerei mit weiteren wertvollen Kunstwerken erst in einem Salzwerk in Heilbronn eingelagert und dann ins Schloss Escheberg bei Kassel weitergeleitet, wo es den Krieg unbeschadet übersteht. 1945 kehrt sie dann endgültig in das Mannheimer Museum zurück. Als eines der heutigen Glanzstücke der Sammlung.

1. Dezember 2010, Mannheimer Morgen

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Franz Marc


Hund, Katze, Fuchs, 1912




Ernst Ludwig Kirchner


Gelbes Engelufer (Vorderseite), 1912





Ernst Ludwig Kirchner

Rückseite: Orientale, 1909/10


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