Die Kandidaten 2009

Parallel zu den Preisträger-Einzelausstellungen erhält eine Jury-Auswahl von vier bis fünf Kandidaten eine Gruppenausstellung, die programmatisch Einblick in jüngste Entwicklungen der dreidimensionalen Kunst geben will. Mit der Kandidaten-Ausstellung wird sowohl die Förderung junger Künstler angestrebt, als auch die Profilierung der Kunsthalle als ein Ort innovativer und zukunftsträchtiger Impulse.
Als Kandidaten für die Gruppenausstellung 2009 wählte die Fach-Jury das Künstlerpaar Mustafa Kunt und Özlem Günyol sowie Sandra Kuhne, Regine Müller-Waldeck, Martin Pfeifle und Martin Wöhrl. Zur Kandidaten-Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog.

Özlem Günyol & Mustafa Kunt
1977 bzw. 1978 in Ankara geboren
1997-2001 bzw. 1996-2001 Studium an der Hacettepe Universität, Ankara
2002-2007 bzw. 2001-2006 Studium an der Staatliche Hochschule für Bildende Künste, Städelschule, Frankfurt a. M. (Günyol bei Ayse Erkmen, Kunt bei Wolfgang Tillmans und Willem de Rooij)
Leben und arbeiten in Frankfurt-Sachsenhausen

Özlem Günyol und Mustafa Kunt arbeiten künstlerisch sowohl eigenständig als auch gemeinsam. Sie verhandeln in ihren Arbeiten aktuelle gesellschaftliche Fragen der kulturellen und staatlichen Zugehörigkeit, thematisieren die Beziehung und den Austausch zwischen Sprachen und Inhalten, Identitäten und Kulturen. Dabei verbinden sie analytische Untersuchung mit assoziativer Gegenüberstellung. Dazu nutzt das Künstlerpaar ganz unterschiedliche Medien, wie Fotografien und Videoinstallationen, aber eben auch architektonische Skulpturen und ortsspezifische Installationen.

Sandra Kuhne
1972 in Dresden geboren
1998-2002 Studium Bildende Kunst FH Ottersberg (bei Robert van de Laar)
2000 Sommerakademie Salzburg (bei Katharina Sieverding)
2002-2006 Studium Freie Kunst HBK Braunschweig (bei Dörte Eißfeldt und H.G. Prager)
2007 Meisterschülerin bei Dörte Eißfeldt
Seit 2007 Lehrauftrag an der Fachhochschule Ottersberg
Lebt und arbeitet in Berlin

Viele Jahre lang hat Sandra Kuhne in ihrem „Vitalen Archiv" die Restbestände aufgelöster DDR-Fabriken und -Schulen zusammengetragen und die rund 600 Industrie-Artikel in die Rubriken Labor, Textil, Kantine, Büro und Bild und Schrift eingeteilt. Das Archiv wird so zum Spiegel eines Wertewandels einer Nation und bildet gleichzeitig den Ausgangspunkt für die Arbeit Anderer. Denn die Lagerbestände sind für Interessierte zugänglich: Materialien können für eigene Vorhaben ausgeliehen werden, deren Dokumentation wiederum Teil des Archivs wird.
Das „Vitale Archiv" ist laufender Prozess, der sich im Miteinander und im Austausch entwickelt. Vernetzung ist auf möglichst vielen Ebenen angestrebt. Ziel des Vitalen Archivs ist eine Material- und damit Erinnerungstransformation, eine Neubewertung der Dinge durch kreative Prozesse.

Regine Müller-Waldeck
1975 geboren in Greifswald
1996-2001 Medienkunststudium, HGB Academy of Visual Arts Leipzig
2001-2005 Diplomstudiengang der Bildenden Kunst (bei Astrid Klein)
2005 Meisterschülerin von Timm Rautert
2006 Sachsen-LB Projektstipendium der Galerie für zeitgenössischen Kunst Leipzig und Meisterschülerinnenstipendium Sachsen
2007 Arbeitsstipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
Lebt und arbeitet in Leipzig

Tücher wehen an Kleiderhaken an der Wand. Spuren von Menschen. Wer hat die Stoffe hier vergessen? Oder sind die "Schleifen" (2006) absichtliche Markierungen? Auch die "Windsbräute" (2004) - etwa zwei Dutzend Faltenröcke, die über den Boden eines Ausstellungsraums verteilt sind - markieren die Abwesenheit des Menschen. Emotional und psychisch aufgeladen wirkt das Feld, das Regine Müller-Waldeck mit ihren Werken bearbeitet. Die Objekte hinterlassen Spuren im Raum, der Mensch wird ausgespart. Manches wirkt gequält und weist auf eine vorausgegangene Brutalität hin, beispielsweise wenn sie abgetrennte Beine vereinzelt mit Karabinern und Seilen in den Raum hineinspannt ("Hängung" 2005). Müller-Waldeck arbeitet gerne mit Wachs und Gips, um eine Spannung aus angedeuteter Gewalt und schöner Form und Oberflächen zu erzeugen.

Martin Pfeifle
1975 in Stuttgart geboren
1998-2004 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf (bei Tony Cragg)
2004 Meisterschüler von Hubert Kiecol
2004 Wilhelm-Lehmbruck-Stipendium der Stadt Duisburg & Stipendium der Metro-Stiftung
2007 Schloss Ringenberg Stipendium des Landes NRW und Förderpreis für bildende Kunst der Landeshauptstadt Düsseldorf 2007

Wer ihm seine Tür öffnet, wird danach die eigenen Räume nicht wiedererkennen. Martin Pfeifles Arbeiten spielen mit dem Raum, ergreifen ihn, bearbeiten ihn in seiner gesamten Struktur und intervenieren massiv in die Raumwahrnehmung. Dazu benutzt er am liebsten billige Industriematerialien wie Folie, Pappe; Styropor und Rigips. Vermeintliche Kacheln werden bei genauerer Betrachtung als lackierte Spanplatten entlarvt. Das Ergebnis ist meist ästhetisch, grenzt oft ans Dekorative. Pfeifle arbeitet immer ortsbezogen und in situ - das Kunstwerk existiert nur einmal, nur in der vorgegeben Zeit am festgelegten Ort.

Martin Wöhrl
1974 in München geboren
1996-2002 Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München (bei James Reinking)
2000 Edinburgh College of Art
2002 Glasgow School of Art
Lebt und arbeitet in München

Martin Wöhrl arbeitet an und mit der Oberfläche, will sie als schönen Schein entlarven. Seine „Gloriolen" (2006) setzt er in barocker Manier aus Holzresten von Sägearbeiten zusammen oder sägt aus Pressspannplatten eine gotisch anmutende Rosette. Bei „Parkett", eine Arbeit, die vom Lehnbachhaus angekauft wurde, verlegt er genau dieses auf dem Boden des Ausstellungsraums. Aus alten Türen ausgesägte Riesen-Buchstaben lehnen wie zufällig an der Wand und bilden fast ebenso zufällig das Wort „Amore" (2007). Wöhrl spielt mit Elementen von Skulptur, Einrichtung, Architektur und Sprache. Dabei spielen nicht nur Recycling, sondern auch Remake und Fälschung eine Rolle.

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