Kunsthalle Mannheim

Billing-Bau der Kunsthalle Mannheim ist Bundes-Leuchtturm für energetisches Sanieren

Bis 2050 fordert das aktuelle Energiekonzept der Bundesregierung einen nahezu klimaneutralen Gebäudebestand in Deutschland. Die Kunsthalle Mannheim geht schon jetzt mit gutem Beispiel voran: Der Energieverbrauch des Museums wird durch die Generalsanierung des historischen Jugendstil-Baus von Hermann Billing und den Einsatz neuester Technologien deutlich gesenkt. Das richtungsweisende Energiekonzept für die Kunsthalle, das Wissenschaftler der TU Braunschweig und des Fraunhofer-Instituts entwickelten, wird jetzt vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert. Das generalsanierte Jugendstilgebäude wird zum Leuchtturmprojekt, an dem Bauherren in ganz Deutschland in der Zukunft studieren können, dass enorme Energieeinsparungen auch bei der Sanierung von denkmalgeschützten historischen Museumsbauten möglich sind.

Im September 2010 verabschiedete die Bundesregierung ihr aktuelles Energiekonzept, das vorsieht, den deutschen Primärenergieverbrauch bis 2050 gegenüber 2008, um 50 Prozent zu senken. Der Gebäudebereich soll sogar klimaneutral werden. „Klimaneutral heißt, dass die Gebäude nur noch einen sehr geringen Energiebedarf aufweisen und der verbleibende Verbrauch überwiegend durch erneuerbare Energien gedeckt wird“, sagt Architektin Mira Heinze, die Förderanträge im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie prüft und bearbeitet. Im Bereich des energetischen Sanierens von Altbauten sucht die Regierung zurzeit nach förderwürdigen Demonstrationsprojekten, die Bauherren ermutigen sollen, in Zukunft mehr in die Sanierung zu investieren. „Um unsere Klimaziele zu erreichen, ist die Verdoppelung der energetischen Sanierungsrate von jährlich etwa einem Prozent auf zwei Prozent erforderlich.“ Beinahe Dreiviertel aller Bauten im Land entstanden vor 1978, und somit vor der ersten Wärmeschutzverordnung, rund ein Achtel sogar vor 1918. Dazu zählt auch der Billing-Bau der Kunsthalle Mannheim, der zwischen 1906 und 1907 errichtet wurde.

„Der Billing-Bau eignet sich ausgezeichnet als Pilotprojekt, um technologische Innovationen und neue Konzepte umzusetzen und auf ihre Praxistauglichkeit zu prüfen“, sagt Volker Huckemann, Diplom-Ingenieur an der TU Braunschweig. Er leitet einen Forschungsverbund zur nachhaltigen Sanierung von Museumsbauten. In Kooperation mit einer Forschungsgruppe des Fraunhofer Instituts für Bauphysik IBP haben Huckemann und sein Team das Energiekonzept zur Generalsanierung entwickelt. „Der Billing-Bau ist ein sehr kompaktes Objekt, mit vielen typischen Museumselementen – und eignet sich somit auch wegen seiner Architektur als Demonstrationsprojekt. Zudem ist der Billing-Bau der Kunsthalle ein prominentes Museumsgebäude in Deutschland. Der entscheidende Punkt für den Erfolg der Planungen ist aber das Projekt-Team in Mannheim: Die Kunsthalle, das Planungsteam um den Sanierungsarchitekten Helge Pitz und die Stadtverwaltung waren sich von Anfang an einig, dass hier beispielhaft energetisch saniert werden soll. Sie tragen unsere Vorschläge uneingeschränkt mit.“

Der Antrag zum Leuchtturmprojekt „Energetisches Sanieren historischer Museumsbauten“ wurde nun vom Bundeswirtschaftsministerium bewilligt, das die Mehrkosten tragen wird, die durch den Einsatz modernster Technologien entstehen. „Das Sanierungskonzept des Billing-Baus halten wir für sehr gut gelöst“, sagt Mira Heinze. „Neue Innendämmung wurde mit einer Flächenheizung kombiniert, dadurch ist ein reduzierter Luftwechsel in den Räumen möglich. Die Ausstellungsräume werden wieder mit Tageslicht beleuchtet, neu über Spiegelraster geführt und UV-gefiltert, hierdurch wird der Einsatz von Kunstlicht verringert. Die bei einem Museum notwendige Klimatisierung wird mit Fernwärme betrieben und soll solar unterstützt werden.“

Ziel der energetischen Sanierung von denkmalgeschützten Altbauten ist es, so wenig Eingriffe in die Architektur wie möglich vorzunehmen und auf Technik weitestgehend zu verzichten. „Das funktioniert bei einem Museumsbau mit seinen klimatischen Anforderungen natürlich nur zu einem gewissen Grad“, sagt Volker Huckemann. „Deshalb versuchen wir Technik einzusetzen, die möglichst wartungsarm und energieeffizient ist.“ Bisher war lediglich das Obergeschoss des Billing-Baus mit veralteter Technik klimatisiert; für die übrigen Ausstellungsflächen der Kunsthalle Mannheim stehen lediglich Lüftungsanlagen zur Verfügung, um das Klima zu regulieren. Diese Vorgehensweise ist heutzutage jedoch überholt und darüber hinaus völlig unzureichend. Bei der Generalsanierung werden jetzt Heiz- und Kühlflächen in Fußböden und Wänden eingebaut. Diese sind teilweise in die Innenwanddämmung mit Mineral-Schaumplatten integriert. Die denkmalgeschützten Bestandsfenster werden durch eine neue Verglasungsebene zu einem Kastenfenster ergänzt. „Diese Ebene muss sehr dicht sein, um Innen- und Außenklima möglichst gut zu entkoppeln.“ Auch regenerative Energien kommen zum Einsatz. So soll die Kühlung zukünftig durch Solarenergie gespeist werden.

Die TU Braunschweig begleitet das Projekt über die gesamte Bauphase und wird die gewonnenen Erkenntnisse nach Abschluss der Sanierung für Workshops und Fachpublikationen aufbereiten. „Für die Pilotprojekte zum energetischen Sanieren von Altbauten legt die Regierung den Fokus gezielt auf Objekte, die öffentlich zugänglich sind und eine gewisse Strahlkraft besitzen“, sagt Mira Heinze. „Auch das spricht für die Kunsthalle Mannheim. “

Trotz Generalsanierung geöffnet! Die Sanierung des 1907 von Hermann Billing errichteten Jugendstil-Gebäudes wird bis 2013 dauern. Im Museumsbau am Friedrichsplatz präsentieren wir währenddessen ein hochkarätiges Ausstellungsprogramm und Spitzenwerke der Sammlung.


FAKTEN UND DATEN
Bauherrin
Stadt Mannheim (vertreten durch: Kunsthalle Mannheim,
Technisches Immobilienmanagement der Stadt Mannheim)
Bauzeit 2010-2013
Bausumme 14,29 Mio € (davon gefördert: Land BaWü 6,83 Mio €)
Architektur Pitz & Hoh, Berlin, Architektur und Denkmalpflege GmbH
TGA-Planung Arge Technik, TFI Ingenieure, BWI
Tageslichtplanung TU Braunschweig, Institut für Gebäude- und Solartechnik
Tragwerksplanung Ingenieurgruppe Bauen
Projektsteuerung Obermeyer Planen & Beraten GmbH
Beratung bogner.cc, Wien

 

GENERALSANIERUNG

Seit Januar 2010 ist der Billing-Bau mit den historischen Ausstellungs-Räumen geschlossen. Die Generalsanierung des Jugendstilgebäudes von 1907 zielt auf die Wiederherstellung des Baudenkmals, die Erweiterung der Ausstellungsflächen sowie die Erneuerung und Aufrüstung der Museumstechnik. Dafür stehen 14,29 Mio Euro aus dem Haushalt der Stadt Mannheim und aus Städtebaufördermitteln des Landes Baden-Württemberg zur Verfügung.

Erheblicher Investitionsbedarf bei Kunsthalle
Machbarkeitsstudie vorgestellt

Die Stadt Mannheim hat heute eine Studie für die bauliche Sanierung oder den Neubau des sogenannten Mitzlaff-Baus der renommierten Kunsthalle Mannheim vorgestellt. In der Machbarkeitsstudie wurde die Gebäudesubstanz baulich und technisch untersucht sowie ein Kostenrahmen ermittelt.
Dabei wurden ein Neubau, eine Generalsanierung mit Erweiterung und eine schrittweise bloße Sanierung miteinander verglichen. Nach Auffassung des beauftragten Ingenieurbüros Assmann ist ein Neubau die beste Lösung.

„Alle Varianten sprengen den Rahmen dessen, was die Stadt Mannheim aktuell leisten kann. Wir kommen nur mit Hilfe Dritter zu einer Lösung. Dabei scheint es mir am sinnvollsten das Projekt zu verfolgen, das in der Gesamtbetrachtung die wirtschaftlichste und nachhaltigste Lösung ist und geeignet ist, Begeisterung auszulösen", betont Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz. „Mit einem Neubau könnte die Kunsthalle Mannheim ein nachhaltiges Signal von deutschlandweiter Relevanz setzen", sieht Kulturbürgermeister Michael Grötsch große Potenziale für die gesamte Stadt, wenn es gelänge ein solches Projekt zu realisieren.
„Die Stadt Mannheim steckt höchste konzeptionelle und organisatorische Sorgfalt in die Vorbereitung und Begleitung dieses Projektes," sagt Baubürgermeister Lothar Quast mit Blick auf die Qualität der Machbarkeitsstudie.
„Die wunderbare Moderne-Sammlung Mannheims braucht angemessene Räume, die ihrer Bedeutung und ihrem extrem angewachsenen Wert entsprechen. Das ist der Kerngedanke des Projekts Neugestaltung der Kunsthalle," so Kunsthallendirektorin Dr. Ulrike Lorenz.

Auf dem Weg zur Entscheidung - Der Prozess

Dringender Handlungsbedarf ergibt sich aus erheblichen Defiziten der aktuellen baulichen Situation des Mitzlaff-Baus, des darunter gelegenen Tiefbunkers und des angrenzenden Athene-Trakts. Bereits im November 2010 wurde das museologische Konzept für die Kunsthalle durch den renommierten Museumsplaner Dieter Bogner erarbeitet. Im Auftrag der Kunsthalle Mannheim und mit Unterstützung des Baukompetenzzentrums wurde danach eine Machbarkeitsstudie erstellt, die mehrere Varianten untersucht hat:
zunächst als Minimallösung eine sogenannte modulare Sanierung, dann eine „Generalsanierung Plus" (Variante 2) sowie einen kompletten Neubau (Variante1).

Die jetzt vorliegende Machbarkeitsstudie hat den Mitzlaff-Bau von 1983 und den Tiefbunker baulich und technisch untersucht und daraus einen Kostenrahmen für weitere Maßnahmen ermittelt. Sie dient als Voraussetzung für eine verantwortungsbewusste und weitsichtige politische Entscheidung des Gemeinderates.

In einem nächsten Schritt soll das Finanzierungskonzept mit dem Land Baden-Württemberg, dem Bund und vor allem auch mit potenziellen Mäzenen und Förderern abgestimmt werden. Im Anschluss folgt ab 2012 ein internationaler Architektenwettbewerb, der sich mit der spannenden Aufgabe der Neugestaltung beschäftigen wird.

Die Varianten mit ergänzender Betrachtung

Bei der Generalsanierung „Plus" - Variante 2 - wird der bestehende Baukörper bis auf den Rohbau zurückgebaut und umfassend saniert. Das „Plus" steht dabei für eine zusätzliche strukturellen Eingriff in die Gebäudesubstanz. Diese Maßnahme ist aus funktionalen Gründen wie zum Beispiel der behindertengerechten Erschließung unumgänglich. Die Investitionskosten betragen 50,1 Millionen Euro bei einer Bruttogrundfläche 11.113 Quadratmeter die realisierbare Programmfläche beträgt 7.843 Quadratmeter.

Die modulare Minimal-Sanierung ist eine reine Gebäudesanierung mit kleinen funktionalen Verbesserungen, allerdings inklusive einer kostenintensiven Erneuerung der Technischen Gebäudeausrüstung. Das würde die Probleme des Sanierungsstaus lösen, ändert aber nicht die bestehende Gebäudestruktur. Die Bruttogrundfläche bleibt mit 10.657 Quadratmeter gleich. Dies entspricht einer Programmfläche von nur 7.410 Quadratmetern. Es wären 37,3 Millionen Euro zu investieren.

Diese beiden Vorschläge lösen nicht die Gesamtheit der Probleme, sondern arbeiten mit Kompromissen. Ein optimiertes Raumprogramm für einen funktionalen, zeitgemäßen Museumsbetrieb ist innerhalb der bestehenden Gebäudestruktur nicht unterzubringen. Die Machbarkeitsstudie stellt fest, dass sowohl für die Variante Generalsanierung Plus als auch für eine modulweise Minimalsanierung die realisierbare Fläche rund 2.042 Quadratmeter bzw. sogar 2.475 Quadratmeter hinter dem optimalen Flächenbedarf von 9.885 Quadratmeter zurück bleiben würde.

Die Variante 1 - Neubau - verspricht die Erfüllung des Raumprogramms. Funktionalen Anforderungen nach einer optimalen Infrastruktur, energetischen Nachhaltigkeit und einem Zentraldepot entspricht Variante 1. Außerdem wird bei einem Neubau der Tiefenbunker des Mitzlaff-Baus, ursächlich für Feuchtigkeitsschäden, entfernt. Bei einer größeren und ausreichenden Bruttogrundfläche von 14.456 Quadratmeter belaufen sich die Investitionskosten auf 67,8 Millionen Euro. Es stehen 10.014 Quadratmeter Programmfläche zur Verfügung. Das Raumprogramm ist erfüllt.

Bei den Varianten 2 und 3 kommen höhere Unterhaltskosten und eine eventuelle Anmietung von Ergänzungsflächen noch hinzu.

 

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BAUDOKUMENTATION
Generalsanierung Phase 1 (Mai 2011)
Fotos: Cem Yücetas

Generalsanierung Phase 2+3

Ziele der Generalsanierung

Bürgerbarometer für Neubau

Interview mit Dr. Ulrike Lorenz


Foto: Cem Yücetas, Kunsthalle Mannheim 2011

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