Kunst-Stück des Monats
Februar 2010
Rudi Baerwind: Selbstporträt (1952)
Manche sagen, er sei besessen gewesen. Denn Rudi Baerwind (1910-1982) malte nicht nur viel. Er malte auch ungeschönt und forschend. Sich selbst, immer wieder. Aber auch andere, die er nicht immer so festhielt, wie sie es gern gehabt hätten. Manchem Kunsthistoriker ist er daher auch aufgrund eines Gerichtsprozesses bekannt: 1973 zogen Mannheimer Bürger aufgebracht vor den Kadi. Ihr Vorwurf: Auf dem Gemälde „Nachtwächter vom Hemshof" habe sie Baerwind so gemalt, wie sie sich selbst nicht sahen. Überzogen und unwirklich. Die Herren bekamen recht - und Rudi Baerwind Solidaritätsbekundungen aus ganz Deutschland. Die Kunstwelt empörte sich: War Kunst nach diesem Urteil nun zur Gefälligkeit verdammt?
Werke, die das Dargestellte idealisieren, wären für Rudi Baerwind wohl nie möglich gewesen. Selbst Freunde beschreiben ihn als sperrig und schonungslos selbstkritisch - nicht nur in Bezug auf seine Kunst. Geboren am 11. Februar 1910 in Mannheim, hatte er sich vor dem Zweiten Weltkrieg vehement für neue Tendenzen in der Malerei eingesetzt und zeitweise bei Fernand Léger in Paris studiert. Als ab 1936 seine Kunst als „entartet" eingestuft wurde, verlegte er seinen Wohnsitz nach Paris, kehrte aber mit Ausbruch des Krieges zwangsläufig nach Deutschland zurück. Er wurde an die russische Front versetzt, gefangen genommen - und zeit seines Lebens von den furchtbaren Eindrücken des Krieges verfolgt. 1946 wagte er in Mannheim den Neuanfang, betrieb aber jahrzehntelang ein zweites Atelier in Paris. Baerwind war einer der ersten Deutschen, die nach dem Krieg wieder in Frankreich ausstellten. Und er war ein wichtiger Impulsgeber für Künstler in der Region. Dieses Verdienst will man anlässlich seines 100. Geburtstages nun in Mannheim würdigen - in der Stadt, der er mit einer Hassliebe verbunden blieb und in der er 1982 starb.
Dass eines seiner Selbstbildnisse nun wieder in der Kunsthalle zu sehen ist, die neben diesem Bild zahlreiche weitere Werke von ihm besitzt, hat Baerwind engagierten Bürgern zu verdanken: Dieter Kunze, der seinen Nachlass in einer Stiftung sicherte. Und der privaten Initiative „Baerwind 2010", die in diesem Jahr einen Werküberblick herausbringen und Ausstellungen organisieren will. Zu seinen Lebzeiten hatte die Kunsthalle seine Bilder oft gezeigt - zuletzt anlässlich seines 70. Geburtstages. Bekannt wurde Baerwind vor allem als Porträtist - etwa von Günter Grass oder Walter Scheel. Er beobachtete voller Anteilnahme, sezierte die Wesenszüge hinter selbstdarstellerischem Gehabe heraus. An seinem Selbstbildnis von 1952 lässt sich ablesen, welche Stile sein Werk prägten: Die ungewöhnliche Farbwahl erinnert an den Expressionismus, die Formensprache an den Kubismus. Später arbeitete er auch im Geiste des Informel, kehrte aber immer wieder zur Gegenständlichkeit zurück. Von Baerwind sind acht gemalte Selbstbildnisse, aber auch Zeichnungen bekannt, auf denen er den eigenen Gemütszustand hinterfragte. 1948 - und auch später - malte er sich mit einem verdoppelten Gesicht, als Zeichen seiner Unangepasstheit und Selbstkritik. Eindrucksvoll ist ein geradezu surreales Gemälde, das kurz nach dem Krieg entstand: Auf ihm ist der Maler umgeben von einem Trümmerberg, aber auch von Pinseln und einer Glaskugel. Im Vergleich dazu ist die Umgebung auf dem Selbstbildnis von 1952 bis auf Pinsel und eine Leinwand bereinigt und der erwartungsvolle Gesichtsausdruck großer Ernsthaftigkeit gewichen.
Annika Wind
Mit dem „Kunst-Stück des Monats" stellt der „Mannheimer Morgen" Werke aus der Sammlung vor. Weitere Informationen zum Künstler: www.morgenweb.de/go/kultur
|